»Vaterbücher gibt es viele, und doch fügt Hans-Joachim Gögl etwas Neues hinzu, überraschend und betörend.« Ilija Trojanow
Wer lebt besser, schöner? Zeitlebens sind sich ein Vater und ein Sohn darüber nicht einig. Als der Vater stirbt, probiert der Sohn von nun an montags, mittwochs und freitags das Vaterleben aus. Dabei beginnt sich sein eigenes Leben zu verwandeln. Eine einzigartige Geschichte über Nähe und Fremdheit, so feinfühlig wie humorvoll erzählt.
Dieser Vater weiß ganz genau, wie man richtig lebt. Er ist der Meister des perfekt dosierten Mittelmaßes: lange Spaziergänge, frei verfügbare Zeit, Gelächter im Kreis der Kollegen. Das Leben seines Sohnes, der eine Designagentur leitet, missbilligt er. Zu fremdgesteuert, zu ehrgeizig, zu eilig. Der aber will die Welt nicht nur hinterfragen, sondern auch verbessern. Als der Vater stirbt, kommen dem Sohn Zweifel. Führt die Lebenskunst des Vaters vielleicht doch zu einem glücklicheren Leben? Er beschließt, es auszuprobieren, und schlüpft von nun an fünf Wochen lang in die Rolle seines Vaters. Hans-Joachim Gögl ist ein spielerisch leichter und tiefgründiger Debütroman gelungen.
Der Vater einer, wie man ihn sich kaum vorstellen kann: Von allen nur »Löwe« genannt, ist er Zeit seines Lebens ein charismatischer Bonvivant. Polospieler, Rennfahrer, Ex-Sträfling, leidenschaftlicher Fallschirmspringer und tief im Herzen eben immer ein Träumer. Für die Tochter gleicht der Vater einem Halbgott, der auf die Erde herabsteigt und dabei auf jede erdenkliche Weise – durch Schulden, Drogen, Affären – zu Fall kommt und sie mitreißt. Von diesen Stürzen erzählt die Tochter, als sie selbst Mutter geworden ist, von den vielen Enttäuschungen ihrer unsteten Kindheit und Jugend zwischen England, Argentinien und Peru und von der unvergessenen Euphorie, die es bedeutet, einen überlebensgroßen Vater zu haben.
Sonya Walger hat ein einzigartiges Denkmal erschaffen, an den Vater, an das Tochter-Sein, an die eine Beziehung, an der sich trotz allem Widerstand das ganze Leben orientiert. In ihrem autobiografischen Roman Löwe erzählt sie eine rasante, unvergessliche Familiensaga, deren Intensität und Farbigkeit den Atem nehmen.
Marcin wächst auf in prekären Verhältnissen: Seine Mutter floh in den 1980ern aus Polen nach Deutschland, um ihn, ihr zweites Kind, hier großzuziehen. Sie arbeitet hart als Altenpflegerin, sie trinkt zu viel, und irgendwann sieht sie in ihrem Sohn nur noch den Antagonisten. Währenddessen versucht Marcin, mit Videospielen, Nu Metal und Gedichten herauszufinden, wer er ist und hier in Deutschland sein kann. In dieser Spannung leben die beiden mit- und gegeneinander.
Erst spät im Leben – die alternde Mutter ist schwer krank, und Marcin pflegt sie – offenbart sich die Familiengeschichte in Gänze: eine Lebenserzählung zwischen Anekdote und Abgrund. Der Krieg ist nicht vorbei. Kein Krieg ist je vorbei.
2023 fand Martin Piekar mit einem Auszug aus diesem Roman beim Bachmann-Preis in Klagenfurt begeistertes Echo; er wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis 202
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Im April 2022 erleidet Julia Decks Mutter Ann einen Schlaganfall. Den Ärzten zufolge sind ihre Überlebenschancen verschwindend gering. Doch die Patientin trotzt der Diagnose. Für Mutter und Tochter beginnt ein langer Weg durch das Labyrinth der Pflegeeinrichtungen, der sie mit einem System konfrontiert, das nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig geht Julia Deck den blinden Flecken in der Erzählung der eigenen Familiengeschichte nach und begibt sich auf eine Spurensuche. Ihre Mutter wird in einer Arbeiterfamilie groß, in der Bücher keinen Platz haben, doch gerade die Begeisterung für Literatur und ihre Wissbegierde bieten der jungen Ann die Möglichkeit zum sozialen Aufstieg. Klar, lakonisch und liebevoll zugleich zeichnet Julia Deck das Bild einer Frau, die nach Selbstbestimmung strebt, und erzählt einfühlsam von der so komplexen wie absoluten Liebe zwischen Mutter und Tochter.
Ähnliche Bücher wie Die Wahrheit über Ann»Ich wollte, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende war.«
Ella und Harriet sind einander auf unmittelbare, fast sinnliche Weise vertraut. Doch ihre Kindheit wird zunehmend von den politischen Umbrüchen der Kriegsjahre vereinnahmt. Poetisch und mit beeindruckender Leichtigkeit erzählt Iris Wolff in ihrem zweiten Roman von tiefer Freundschaft und von der Unantastbarkeit der Freiheit.
Mit einem Unfall am See beginnt die Freundschaft zwischen Ella und Harriet. Obgleich grundverschieden, sind die beiden Mädchen einander unmittelbar zugetan. Doch Harriet hat ein Geheimnis, das sie ihrer besten Freundin lange verschweigt. Als der Krieg die Idylle ihrer Kindheit erreicht und vertraute Gewissheiten aufbricht, werden Ella und Harriet mit tiefgreifenden Verlusten konfrontiert. Der zweite Roman der preisgekrönten Schriftstellerin Iris Wolff ist eine kraftvolle Ode an die Freundschaft, das den schmerzhaften Bruchstellen des Zweiten Weltkrieges die Kraft der Erinnerung entgegenzusetzen weiß. Ein Buch über Gemeinschaft, die Unantastbarkeit des Freiheitswillens und den Wert von Freundschaft und Liebe – erzählt in jener bildstarken, leuchtend hellen Sprache, die das Gesamtwerk von Iris Wolff trägt.
Fremde Welt Westberlin – und die Sehnsucht nach der Liebe und dem Leben
Mit 13 Jahren ist der Junge in diesem Alter: Das Leben hängt schief in den Angeln, der Alltag gerät zum Schwelbrand, die erste Liebe überwältigt ihn und lässt die Tage beben. 1969 steht die Zeit in Westberlin vielerorts noch still, und doch ändert sich für den Jungen alles. Von dieser Zerrissenheit erzählt Michael Wildenhain in seinem Roman so virtuos und episch, wie es nur einer kann, der dabei war.
Weil der Vater eine neue Stelle antritt, muss auch der Sohn in die Belziger Straße ziehen, in eine Atmosphäre der Wut gegen die ganze Welt. Hier droht die von den Traumata des Krieges geprägte Familie – der versehrte Vater, die gezeichnete Mutter – zu zerfallen; dort lockt die Wirklichkeit der Straße, brutal und zärtlich, derb und schön, die den Jungen in eine Entscheidung von beträchtlicher Tragweite treibt. Was zählt: die Nähe zu Körschi, Bandenchef und bester Boxer der Belziger. Und Alina, die Angebetete, die Körschi als sein Eigentum betrachtet und von der der Junge dennoch nicht lassen kann. Manchmal, das erfährt er, musst du etwas riskieren, selten sogar das Leben. »Das Ende vom Lied« erzählt von einem Westberlin jenseits der 68er Ereignisse, einer Stadt, wie es sie nie wieder geben wird, vom unstillbaren Durst nach der ungezähmten Realität und vom Licht, in dem wir träumen.
Eine große literarische Wiederentdeckung
Die kalten Nächte der Kindheit erzählt vom Heranwachsen einer Frau, von ihrem Begehren, ihren Träumen, ihrer Widerständigkeit. Und wirkt darin heute so aktuell wie damals.
»1949. In einer Provinzstadt in Anatolien mit 4000 Einwohnern lerne ich die Welt sehen. Bin 6 Jahre alt. … Ich empfinde die maßlose Größe der Welt und weiß, dass ich fort und weit weg gehen werde.« So schreibt Tezer Özlü 1981 an den Deutschen Akademischen Austauschdienst über das prägende Gefühl ihrer Kindheit.
Erwachsen geworden, wird sie nach Berlin, Paris und Zürich reisen, fort und weit weg von der Türkei und den »Menschen in Uniform«, dem lauernden Wahnsinn. Sie tauscht die heimischen Obstgärten und Klassenzimmer der Nonnenschule ein gegen die Straßen und Cafés europäischer Hauptstädte – und gegen das Schreiben. Um eine Welt zu erfinden, die ihr entspricht. Indes wird sie über Jahre in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Doch selbst das kann ihren Willen nicht brechen.
Ein berührendes Debüt über eine unbarmherzige Krankheit und ihre tragikomischen Momente
Sie isst wieder. Das war mal anders. Aufgewachsen in Armut, alleine mit ihrer zwanghaft dünnen Mutter, die aus der Ukraine nach Berlin migrierte, schien ihre Zukunft vorprogrammiert. Jetzt, mit Ende zwanzig, hat sie es halbwegs im Griff. Sie joggt viel, ja, zählt jede Kalorie, okay, aber sie führt ihrem Körper morgens, mittags und abends – fast – immer Nahrung zu. Auch wenn sie jeden Cent abwägt, den die Lebensmittel und ihre Zubereitung sie kosten. Nur noch ganz selten erliegt sie ihren alten Gewohnheiten, zu viel zu essen und sich anschließend zu übergeben. Es bleibt dennoch ein Fortschritt. Und dann ist da ein Date, das Hoffnung auf ein besseres Leben gibt, darauf, endgültig aus dem Teufelskreis auszubrechen. Oder doch nicht?
In Halbe Portion erzählt Elisabeth Pape eine ganz persönliche Geschichte über Essstörungen, das Aufwachsen in Armut und die damit einhergehenden Zwänge. Der Roman zeigt, warum es für Betroffene so schwer ist, mit erlernten Strukturen zu brechen und einen gesunden Umgang mit Essen und Geld zu finden. Und er spürt der Frage nach, wie uns Familie trägt, aber auch erdrückt.